Gedichte

Horaz (Quintus Horatius Flaccus)

Ode IV 15

Phoebus volentem proelia me loqui
Victas et urbis increpit lyra,
Ne parva Tyrrhenum per aequor
Vela darem: tua, Caesar, aetas


Von Schlachten wollt’ ich singen und Städtesieg,

Da rauschte Phöbus’ Leier und warnte mich:
„Vertraue doch dein schwaches Segel
Nicht der tyrrhenischen Flut!“ Mein Caesar,

Fruges et agris rettulit uberes

Et signa nostro restituit Iovi

Derepta Parthorum superbis

Postibus et vacuum duellis,


Ja, deine Zeit gab wieder der Heimatflur
Der Früchte Pracht, die römischen Adler riss

Sie von des Parthers stolzen Wänden,

Schenkte sie unserem Gotte wieder,

Ianum Quirini clausit et ordinem

Rectum evaganti frena licentiae

Iniecit emovitque culpas
Et veteres revocavit artis,


Schloss Janus’ Tor, vom Kriege befreit, und warf

Der Lust, der zuchtlos schweifenden, Zügel um,

Sie tilgte Romas Schuld und weckte
Wieder den Geist der vergangenen Zeiten,

Per quas Latinum nomen et Italae

Crevere vires famaque et imperi

Porrecta maiestas ad ortus
Solis ab Hesperio cubili.


Durch den einst Latiums Namen, Italiens Macht
Sich kühn erhob, der Ruhm und der Glanz des Reichs
Sich dehnte bis zum Sonnenaufgang
Weithin vom westlichen Abendlager.

Custode rerum Caesare non furor
Civilis aut vis exiget otium.

Non ira, quae procudit ensis

Et miseras inimicat urbis.


Solange Cäsar Hüter der Welt ist, stört
Kein Bürgerwahnsinn, keine Gewalt die Ruh,

Kein grimmer Zorn, der Schwerter schmiedend

Städte verfeindet zum eigenen Elend.

Non qui profundum Danuvium bibunt

Edicta rumperent Iulia, non Getae,

Non Seres infidique Persae,
Non Tanain prope flumen orti.


Nicht wer da trinkt vom grundlosen Donaustrom,

Wird Juliermachtspruch brechen, der Gete nicht,

Kein Serer und kein falscher Perser,
Nicht wer an Tanais’ Flut geboren.

Nosque et profestis lucibus et saccris
Inter iocosi munera Liberi
Cum prole matronisque nostris,

Rite deos prius adprecati,


Auch wir – am Werktag oder am frommen Fest,

Wir wollen, Bacchus’ heiterer Gabe froh,
Wenn wir vereint mit Frauen und Kindern
Fromm zu den Himmlischen erst gebetet,

Virtute functos more patrum duces

Lydis remixto carmine tibiis

Troiamque et Anchisen et almae

Progeniem Veneris canemus.


Nach Väterbrauch von unserer Helden Ruhm

Ein festlich Lied zu lydischem Flötenschall,

Von Troja und Anchises singen,
Von dem Geschlecht der Mutter Venus.

(Übersetzung: Wilhelm Schöne - Horaz, Sämtliche Werke, 1967)